1 Die römischen Baubefunde
Die erste Bauperiode
Bei den Ausgrabungen von 1960-1961 wurde der römische Ursprung des Kernbaues der Laurentiuskirche erkannt. Der nach den Haupthimmelsrichtungen orientierte Rechteckbau von 16 x 10 m Grundfläche lag in 80 m Entfernung vom ausgegrabenen Bauteil der römischen Villa und in der südlichen Flucht dieser Baustrukturen (Abb. 2). Die südliche Längsmauer sowie die westliche Quermauer dieses Bauwerks sind noch heute bis zu 7 m Höhe im aufgehenden Mauerwerk der Kirche erhalten. Nur die Ost- und die Nordmauer wurden bei der Anlage des romanischen Chores respektiv bei der gotischen Kirchenschifferweiterung fast bis auf die Fundamente abgetragen. Das 0,60 m breite Mauerwerk aus Handquadern von Muschelkalk und Buntsandstein setzte auf sehr solide gebauten Fundamenten von 1,50 m Tiefe auf. Die Fundamente waren dreifach abgetreppt und erreichten im unteren Teil, der aus nachkant in einen Graben gesetzten und mit Kalkmörtel ausgegossenen Steinplatten bestand, eine Breite von 1-1,10 m.

Das Gebäude wies in seinem ursprünglichen Zustand keine Innengliederung auf, sondern bestand aus einem Saal von 14,70 x 8,50 m Grundfläche. Diese Halle war durch eine axial gelegene monumentale Tür in der Südfassade zugänglich. Die in situ erhaltene Türschwelle besteht aus einem Monolith aus Kalkstein von 1,95 m Länge und 0,60 m Breite. Die Aussparungen sowie die Zapfenlöcher in diesem Block belegen ein ehemals zweiflügeliges Tor. Die Höhe der Türöffnung von 2,90 m ist noch deutlich an der Innenseite der Südmauer erkennbar, da der schwere Holzbalken des ursprünglichen Türsturzes zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt in einer nachrömischen Bauperiode durch eine Lage aus hochkant gestellten Steinplatten ersetzt wurde (Abb. 13, 1).
In der Osthälfte des Saales war der Innenbelag teilweise erhalten und bestand aus einem 10-15 cm starken Kalkestrich mit Kiesmagerung auf einem verhältnismäßig leichten Bruchsteinfundament. In diesen Boden waren die stark durch mittelalterliche Grabschächte gestörten Heizgänge einer römischen Kanalheizung eingetieft. Ein zentraler Kanal in der Längsachse des Raumes mündete in einen vertikalen Kaminschacht in der Ostmauer. Eine schräge und eine rechtwinkelige Abzweigung des Mittelkanals führten zu Kaminschächten in der Süd- respektiv Nordmauer (Abb. 7). Ein vierter vertikaler Schacht ist im westlichen Teil der Südmauer erhalten. Hier sind allerdings sämtliche Reste der horizontalen Heizgänge durch mittelalterliche Gräber zerstört worden. Die Tatsache, daß dieser vierte Mauerschlitz, der zu einem späteren Zeitpunkt zugebaut wurde, noch heute bis zu einer Höhe von 5,50 m über der Oberkante des römischen Estrichs erhalten ist, belegt, daß die Südmauer der Laurentiuskirche noch zu einem großen Teil aus antikem Mauerwerk besteht. Durch den symmetrischen Aufbau des Kanalsystems ist ein vierter Kaminschacht im Westteil der Nordmauer anzunehmen, doch sind hier alle Reste bei der teilweisen Aushöhlung des Mauerfundamentes zur Bettung von späteren Sarkophaggräbern zerstört worden.
Die Kanalheizung des Saalbaues wurde von einem Praefurnium vor der westlichen Schmalseite des Gebäudes aus bedient, das beim Bau des Turmes der romanischen Kirche zum großen Teil abgetragen wurde. Allein der mit gebrannten Tonplatten gewölbte Heizkanaldurchbruch in der Westmauer ist noch vorzüglich erhalten .
In der südlichen Längsmauer, wo die römische Bausubstanz im Aufgehenden noch am besten erhalten ist, wurde bei den Restaurierungsarbeiten eine zugebaute Fensteröffnung freigelegt, die zur Hälfte von einem Pilaster des gotischen Kirchengewölbes überdeckt wird (Abb. 13, 5). Zwar ist im Bereich dieses Fensters das ursprüngliche Mauerwerk bei dem Einsetzen der Gewölbepilaster sowie beim Ausbrechen der großen gotischen Fensteröffnungen weitgehend gestört, doch weist die Struktur der Steinsetzung um den Fensterrahmen sehr große Ähnlichkeit mit dem regelmäßigen römischen Handquadermauerwerk auf. Auch die Tatsache, daß diese Fensteröffnung mit keiner der späteren Kirchenperioden in Einklang zu bringen ist, spricht für eine Zuweisung in die römische Periode (Abb. 11). Im Innern hat die sich nach außen verjüngende Öffnung eine Scheitelhöhe von 1,40 m und eine Breite von etwa 0,90 m Wenn man bei dem römischen Gebäude von einer symmetrischen Architekturkonzeption ausgehen kann, was sehr wahrscheinlich ist, so wäre die südliche und vermutlich auch die nördliche Längswand durch vier oder fünf Bogenfenster gegliedert gewesen. Die Höhe der Fensterbänke lag bei 4,90 m über dem Niveau der Türschwelle. Auf der gleichen Höhe zeigte sich unter dem spätgotischen Kirchenfenster 14 der Ansatz einer zweiten verbauten Fensteröffnung, die vermutlich ebenfalls zu dem römischen Gebäude gehörte (Abb. 13, 4). Die erhaltene Fensteröffnung 5 erlaubt es, bei dem römischen Gebäude eine Traufhöhe von mindestens 7 m über dem inneren Laufniveau anzunehmen. Etwa auf dieser Höhe ist vor allem an der Innenseite zwischen den gotischen Fensteröffnungen in der Mauertextur eine Trennungslinie zu beobachten, die wahrscheinlich als horizontale Baufuge zu deuten ist.
Die archäologischen Befunde erlauben demnach einen rechteckigen Kernbau zu rekonstruieren, dessen Hauptfassade mit dem monumentalen Tor von dem Hauptgebäude der römischen Villa abgewandt war. Weder über die genauere Datierung des Gebäudes noch über dessen Funktion können Kleinfunde oder Baubeobachtungen Auskunft geben.
Die zweite Bauperiode

Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt wurde die römische Halle durch einen Anbau an der Nordseite erweitert. Unter dem Nordschiff der gotischen Kirche sowie in einem Grabungsschnitt an der Außenseite des Westgiebels wurden Mauerfundamente ausgegraben, die mit Fuge gegen die nördliche Längsmauer bzw. die Nordostecke des großen Hallenbaues stießen (Abb. 7). Das nach Westen ausgreifende Mauerfundament winkelte nach 3,30 m nach Norden um und bildete eine Aussenecke Die nördliche Abschlußmauer des Anbaues liegt außerhalb der Ausgrabungsfläche. Im Innern dieses Gebäudeteils wurden zwei Räume teilweise ausgegraben. Raum a war von der großen Halle über eine 1,15 m breite Tür zugänglich, die in die Längsmauer nahe der Nordwestecke gebrochen worden war. Der Raum war mit einer Hypokaustanlage ausgestattet, von der noch Ueberreste des unteren Bodens in der Südwestecke erhalten waren. Wie Reste des Heizkanales andeuten, war die Anlage vom großen Praefurnium des Hallenbaues aus bedienbar. Am Ansatz des aufgehenden Mauerwerks der Südwand waren Reste von bemaltem Innenputz erhalten. Ein 0,60 m hoher schwarzer Sockel grenzte eine dunkelrote Flächenbernalung ab. Die durch einen winkelförmigen Maueranbau abgeteilte Kammer b war von Norden zugänglich. Das Laufniveau des Kalkestriches lag hier 0,20 m über der Höhe der Eingangsschwelle der Halle. Der eigentliche Hallenbau scheint im zweiten Bauzustand unverändert geblieben sein.
2 Die frühmittelalterliche Kirche
Die dritte Bauperiode

Während die genaue Funktionsbestimmung der Gebäudeteile der beiden ersten Bauperioden Probleme aufwirft, ist der Hallenbau in seinem dritten Zustand eindeutig als Kirche anzusprechen. Für die Einrichtung dieses Gotteshauses wurden Veränderungen am ursprünglichen Kernbau vorgenommen. Das große Tor in der Südfassade wurde zugemauert und eine neue, nur 1,35 m breite Tür wurde in der Längsachse des Gebäudes in die westliche Schmalseite gebrochen. Die Unterkante des Türdurchbruchs liegt 0,50 in über dem römischen Niveau und ist mit einer Lage aus magerem Kalkestrich abgedeckt, die vielleicht als Bettung für eine heute verlorene Steinschwelle diente. Das innere Laufniveau ist an keiner Stelle erhalten geblieben, doch können Reste von ockerfarbenem Wandputz neben der neuen Eingangstür, die mit einem wulstigen Abschluß gegen den nicht mehr vorhandenen Bodenbelag gestrichen worden waren, eine Höhe des Laufniveaus der dritten Bauperiode von rund 0,75 in über dem römischen Niveau angeben. Dies läßt für die neue Tür der dritten Bauphase eine etwa 0,30 in hohe Eingangschwelle als wahrscheinlich annehmen. Wie ähnliche Ansätze des Innenputzes an der Ost- und Südmauer zeigen, war der Boden nicht horizontal, sondern um 0,15 in zur Ostwand hin abgeneigt. Hinweise auf eine Abstufung waren nicht erhalten. Vor Anbringung des neuen Innenputzes waren die Kaminschlitze der römischen Kanalheizung zugemauert worden. Die Unterkante der Vermauerung liegt bei den drei erhaltenen Schlitzen etwa auf der Höhe des Laufniveaus der dritten Bauperiode (vgl. Abb. 8).
In der Längsachse des Raumes auf 1,20 in Entfernung von der Ostwand wurde ein 1,50 x 0,90 in großer Fundamentsockel aus Handquadern und Bruchplatten des römischen Estrichs, die mit einem weißen Kalkmörtel verbunden waren, ausgegraben (Abb. 7). Obschon dieses Fundament, das auf dem römischen Estrich aufsetzte, nur bis zu einer Höhe von etwa 0,30 in unter dem Laufniveau der dritten Bauperiode erhalten war, muß es mit hoher Wahrscheinlichkeit durch seine axiale Lage als Altarsockel angesehen werden. Reste des eigentlichen Altaraufbaues sind bei der Ausgrabung nicht bekannt geworden.
Durch den vorzüglichen Erhaltungzustand des ursprünglichen Mauerwerks an der Süd- und Westseite kann ein ziemlich genauer Eindruck der aufgehenden Architektur dieser ersten christlichen Kirche in Diekirch gewonnen werden.
Außer dem Eingangstor in der Südfassade wurden noch die römischen Bogenfenster in den Längsmauern zugebaut und das Gebäude wurde aufgestockt. Während die Traufhöhe des römischen Gebäudes nur ungefähr mit etwa 7 m angegeben werden kann, ist die Höhe der Traufe des dritten Bauzustandes von 9,50 m über dem mittleren Laufniveau im Innern noch besonders deutlich an der bis zur Giebelspitze erhaltenen Westmauer ablesbar. In der Südmauer sind außer einer Reihe Verbindungslöcher für Baugerüste noch bedeutende Reste der fünf schmalen Bogenfenster des Kirchenschiffes erhalten (Abb. 13, 6-9). Die Unterkanten dieser sich nach außen hin verjüngenden Fenster liegen in etwa 7 in Höhe gegenüber dem Innenniveau der Kirche. Die Fensteröffnungen haben im Innern eine Höhe von 2,25 in und eine Breite von 1,10 in gegenüber nur etwa 2 in Höhe und 0,70 in Breite in der Außenfront. Die Bögen der Fenster reichen fast bis an die Traufe. In dem Mauerwerk über dem gotischen Gewölbe sind über einem weißen Unterputz die Reste eines ockerfarbenen Kalkputzes von ähnlicher Textur wie an den unteren Maueransätzen erhalten.
Wie erwähnt ist besonders der Westgiebel dieses Gebäudes in einem sehr guten Erhaltungszustand. Die ehemalige Giebelschräge von 25 Grad ist hier noch gut erkennbar. An der Außenseite der Giebelspitze sind drei römische Hohlziegel mit den Oeffnungen nach außen eingebaut. Obwohl der vierte Ziegel nicht erhalten ist, kann man doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, daß hier mit wiederverwandten römischen Heizungstubuli ein Kreuz an der Spitze des Kirchengiebels dargestellt worden war. Somit liefert der Baubefund viele Anhaltspunkte die es erlauben, ein präzises Bild dieses ersten Diekircher Gotteshauses zu entwerfen.
Die Datierung des dritten Bauzustandes stellt Probleme. Da keine datierbaren Funde in stratigraphischem Zusammenhang bekannt geworden sind, kann die Zeitstellung dieses Gebäudes nur indirekt und nur annähernd bestimmt werden. So kann man wohl als wahrscheinlich annehmen, daß ein Gebäude wie die spätrömische Halle mit nicht allzu starkem Mauerwerk keine sehr lange Zeit ohne Unterhalt aufrecht gestanden hätte. Einen besseren Zeitansatz liefern weiter die Grablegen im Innern der Kirche, obschon uns keine frühen Beigaben bekannt geworden sind. Die spätrömischen Sarkophage (Abb. 7, 1-2) wurden sicher nicht in originaler Lage ausgegraben, sondern müssen als Wiederverwendungen angesehen werden. Wie die Höhe der Oberkante von Sarkophag 1 andeutet, datieren verschiedene Gräber in römischen Sarkophagen erst in eine spätere, mittelalterliche Periode, als der Boden des Kirchenschiffes abermals höher gelegt worden war. Durch die Tiefe der Grabschächte, die teilweise den römischen Estrich durchbrachen und bis an die Unterkante der Heizkanäle reichten, sowie durch ihre Lage in nächster Nähe des Altarfundaments, können die Sarkophaggräber 3-5 wohl eher in die gleiche Zeit wie das erste christliche Kirchengebäude datiert werden. Durch die sich verjüngende Form und die Art der Verzierung sind diese Sarkophage dem 7. Jahrhundert zuzuschreiben .
Somit kann als gesichert gelten, daß spätestens im 7. Jahrhundert n. Chr. in Diekirch in einem spätrömischen Gebäude ein christliches Gotteshaus eingerichtet wurde.
3. Die späteren Gebäudephasen

In der Folge sollen die späteren Bauperioden der Laurentiuskirche nur grob umrissen werden. In wahrscheinlich nachmerowingischer Zeit wurde das Kirchenniveau ein zweites Mal auf etwa einen Meter über dem römischen Estrichniveau erhöht. Interessant ist, daß zu diesem Zeitpunkt das Außenniveau schon rund 1,60 m höher als die römische Eingangsschwelle lag. Dies ist vor allem auf sehr massive Anschwemmungen von den nahegelegenen Hängen des "Haerebierg" zurückzuführen. Aus diesem Grunde wurde eine höher gelegene und größere Tür in den Westgiebel gebrochen, von der aus man über mehrere Stufen ins Kirchenschiff hinabsteigen konnte.
Zu diesem Bauzustand gehörte wahrscheinlich ein halbrunder Chor, der aus dem Ostgiebel des Gebäudes vorsprang. Die Nordwand, deren Fundament für die Anlage von Sarkophaggräbern teilweise ausgebrochen und geschwächt worden war, wurde im Innern durch eine Mauerverblendung verstärkt.
Spätestens ab dem 10. Jahrhundert bestand ein Friedhof um die Kirche, wie mehrere Sarggräber belegen, die an der Außenseite des alten römischen Zugangs ausgegraben wurden und von denen eines dendrochronologisch um das Jahr 925 datiert wurde

Gleichzeitig mit dem Choranbau, vielleicht aber auch etwas später in romanischer Zeit, wurde dem Westgiebel ein Turm vorgebaut (Abb. 18, 5). Durch gotische Umbauten verlor die Laurentiuskirche ihre originale Symmetrie (Abb. 18, 6). Die geschwächte Nordmauer wurde eingerissen und die Halle wurde auf eine innere Breite von 12 m erweitert. Die bis dahin wahrscheinlich flache Decke wurde durch ein spätgotisches Gewölbe ersetzt, das auf zwei Pilasterreihen an den Längsmauern ruhte und von zwei Säulen und zwei Pilastern in der Mittelachse aufgefangen wurde. Die halbrunde Apsis wurde durch einen quadratischen Chor ersetzt, wobei die dezentrale, nur auf das Südschiff ausgerichtete Lage beibehalten wurde. Dieser neue Chor wurde ebenfalls durch ein Kreuzgewölbe überdeckt. Einen guten Datierungsansatz für diese Baumaßnahmen liefert die dendrochronologische Analyse von Holzstämmen einer Pfahlrostfundierung von äußeren Strebepfeilern des Kirchenschiffes, die sicherlich im Zusammenhang mit dem Gewölbebau errichtet wurden. Bei sechs Hölzern ist ein Fällungsdatum von 1467/68 gesichert, das gut mit der Gewölbearchitektur und den Wandmalereien im Innern der Kirche in Einklang zu bringen ist. Ein Stamm aus der Pfahlfundierung der Nordwand ergibt das gleiche Datum von 1467. Die in einen Stützpfeiler der Südmauer eingeritzte Jahreszahl 1563 erinnert vielleicht an eine Instandsetzung. Ein Nachteil dieser gotischen Architekturkonzeption bestand darin, daß in der nunmehr zweischiffigen Kirche ausschließlich das Südschiff freien Blick auf den Altar bot. Dieser Nachteil wurde in der 7. Bauperiode, wahrscheinlich nach der dokumentarisch belegten Feuersbrunst von 1754, die die Pfarrkirche und einen großen Teil der Ortschaft in Asche legte, behoben. Man entfernte den chorseitigen Pilaster der mittleren Säulenreihe und fing das Gebäude durch einen Triumphbogen auf. Durch diesen baulichen Eingriff war zwar der Blick von dem Nordschiff auf den Chor gewährleistet, doch die Statik des ganzen Gebäudes war weitgehend geschwächt worden. Erst durch die Baumaßnahmen der sechziger Jahre dieses Jahrhunderts wurde das von vielen Rissen durchzogene historische Bauwerk definitiv konsolidiert.